Philosophie

Das Hyoshi Ryu Taikijutsu fußt in seinen philosophischen Grundlagen in den religiös-philosophischen Systemen Ostasiens. Der Begriff Taikijutsu setzt sich aus den einzelnen (jap.) Schriftzeichen Tai für „Körper“, Ki für „Energie“ und Jutsu, was für „Kunst, Technik, und das handwerkliche Können“ steht, zusammen. In der Kampfkunst ist dies oft auf eine Schule (Ryu) begründet.

Zum besseren Verständnis dieser und anderer Grundlagen werden wir einige Bestandteile dieser Philosophie genauer betrachten. Do, Ki, Hara und die Fünf-Elemente-Lehre sowie deren einzelne Bestandteile Erde, Feuer, Wasser, Wind und Leere. Diese Begriffe beschreiben Phänomene und Prinzipien fast aller Kampfmethoden Ostasiens.

Do – Der Weg

Der aus der zen-buddhistischen Tradition entsprungene Begriff des „Do“ ist in seiner Übersetzung nur unvollständig. Die Übersetzung mit „der Weg“ kommt der Bedeutung zwar nahe, muss aber durch Begriffe wie Entwicklung, Erfahrung, Unterweisung, Lehre (und viele andere) ergänzt werden. Das japanische Schriftzeichen setzt sich aus den Bedeutungen „fortschreiten, gehen”, „Auge, Gesicht” und „Haupt” zusammen. Insgesamt wird die Übersetzung des Zeichens als „der Führer beim Gehen” aufgefasst.

Schon in seiner wörtlichen Bedeutung schließt es einen Prozess des Gehens, des Voranschreitens und Entwickelns ein. Do verlangt demnach sein Selbst zu fordern und den Weg der Kampfkünste zu gehen, sich um ein ständiges Voranschreiten zu bemühen und dadurch an seinem Selbst zu arbeiten.

Der Aspekt der Begriffe „Auge” und „Gesicht” deutet darauf hin, dieses Entwickeln wahrzunehmen und zu einer Erkenntnis zu führen. Ebenso beschreiben sie, dass der Weg nicht nur eine äußerliche Entwicklung ist, sondern vielmehr auch zu einem Voranschreiten auf einer geistig-seelischen Ebene führen soll.
Der Teil „Haupt” und „Geist” bedeutet, dass diese Entwicklung zur Erkenntnis einer Anleitung bedarf. Ein Teil dieser Anleitung bildet das Dojokun, dessen Regeln eine Orientierung beim Beschreiten des Weges geben. Auch an der Erfahrung von Mitübenden, die den Weg bereits ein Stück kennen, teilzuhaben, ist eine Anleitung im Sinne dieses Begriffs.

So beschreibt schon die Begrifflichkeit des Schriftzeichens Do sehr  präzise die Grundlage der Kampfkünste, die zu einem angeleiteten aber dynamischen Erkenntnisprozess führt.
In der Zen-Philosophie liegt der Ursprung des Do. Es stellt den zentralen Punkt dieser Philosophie dar. ”Der Weg ist das Ziel”, beschreibt den Gedanken sehr gut.
Entscheidend ist, dass man sich auf den Weg macht, zu üben beginnt und dann weiterübt. Das, was man gerade tut, muss aber mit vollem Eifer getan werden, mit aller Konzentration. ”Tue das, was du tust, ganz” lautet ein weiterer Sinnspruch.

Die Begehung des Weges verlangt also Selbstdisziplin und Konzentration. Letztendlich bedeutet es eine ungeheure Anstrengung des Willens, den Willen selbst aufzugeben um so sich von Zwängen und Ängsten zu befreien und gelassen auf jede Situation des Lebens zu reagieren.

Ki – Die Energie

Ki ist der japanische Name der inneren Kraft die in China „Chi“, in Indien „Prana“ und in den altgermanischen Sprachen „Od“ genannt wird. Es handelt sich bei dieser Form der Energie um ein alltägliches aber doch aufsehenerregendes Phänomen. Es handelt sich um die Kraft, die jedem Wesen innewohnt und die der Philosophie nach in allem enthalten ist. Je nach Ausbildung und Alter kann diese Kraft stärker oder schwächer sein. Sie ist unter anderem Untersuchungsgegenstand der westlichen Parapsychologie. Nach östlicher Tradition kann sie durch körperliche, vor allem Atemübungen, geschult werden und willentlich eingesetzt werden.
Taikijutsu fördert durch seine Übungen den Fluss dieser Energie und führt dazu, dass man diese „Kraftreserve” bewusst in der Technik und darüber hinaus einsetzen kann und so einen höheren physischen und psychischen Gesundheitszustand erfährt.

Ein wesentlicher Aspekt der Übung um das Ki ist der „Ki-Ai“, der Kampfschrei. Mit seiner besonderen Atemtechnik führt er zu einem besseren Fließen der Kraft und zu einer Fokussierung der Energie in der Technik. Ki-Ai heißt übersetzt etwa „Kraft in Harmonie”. Der Kampfschrei soll also körperliche und geistige Energien in Einklang bringen. Er konzentriert den Kopf, das Bewusstsein auf den gegenwärtigen Moment. Ein richtiger Ki-Ai ist nicht leicht zu erlernen und es dauert eine Weile, bis man es schafft die verschiedenen Ki-Ai-Techniken im Bauch und nicht im Hals entstehen zu lassen. Seine Beherrschung ermöglicht aber eine Konzentration der Kraft, die z.B. Bruchtests ermöglicht, die schier unmöglich erscheinen.

Philosophisch wird das Ki am stärksten im Taoismus thematisiert, wo es sowohl die Urkraft des Tao, die die Spannung zwischen Himmel und Erde, männlich und weiblich, Ying und Yang aufbaut und an der der Mensch als Teil dieser Spannung teilhat.

Hara – das Zentrum

In ganz Ostasien betrachtet man traditionell den Unterbauch als Sitz des Ki. Dieser Ort sitzt ungefähr zwei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels im Inneren des Körpers und ist mit dem physiologischen Körperschwerpunkt des Menschen identisch.
Nach östlicher Anschauung ist ein Zustand, in dem man seinen Körper bewusst im Gleichgewicht hält, auf seine Mitte zentriert, anstrebenswert. Dadurch kommen auch die geistig-seelischen Kräfte in ein Gleichgewicht. Der Körper und der Geist sind sehr eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Befindet sich diese Einheit in einem harmonischen Gleichgewicht, das um die Leibesmitte zentriert ist, nennt man dies auf japanisch Hara. Taikijutsu bietet einen guten Zugang zu dieser Zentrierung auf der körperlichen Ebene. Die drei entscheidenden Faktoren dazu sind Haltung, Spannung und Atmung.

Die Haltung des Körpers in einem zentrierten Zustand über dem Schwerpunkt wird durch die Techniken des Taikijutsu gefördert, da eine Kontrolle des Gleichgewichts nötig ist, um kraftvolle Schläge oder Würfe auszuführen. So wird beispielsweise durch die aufrechte Haltung der Hüften und des Rückens eine Sensibilisierung für das eigene Gewicht und für den Punkt der zentrierten Bewegungsharmonie geschult und durch die erlangte Flexibilisierung der Hüfte ein hohes Bewegungsgefühl erreicht.

Die Atmung sollte beim Aufbau des Hara-Zustandes eine tiefe Bauchatmung sein, bei der auch die tieferen Schichten der Lunge belüftet werden. Zur Kontrolle sollte man sich auf das Ausatmen konzentrieren und sich vorstellen, dass die Luft nicht nur aus dem Mund entweicht, sonder ebenso in den gesamten Bauchbereich abgegeben wird. Dies führt zu einer besseren Versorgung der Organe und Muskeln mit Sauerstoff und unterstützt so den Spannungsauf- und Abbau im Körper.

Ebenso sollte man sich vor Augen führen, dass Atmen nicht nur einen lebenswichtigen Stoffwechselvorgang darstellt, sondern auch durch die Aufnahme und Abgabe der Luft einen direkten Austausch mit der Welt um uns herum ermöglicht.

Diese Harmonie zwischen Spannung, Haltung und Atmung führt zu einem bewussten kontrollierten ”Kime”, einem Zustand höchster Aufmerksamkeit und Kraftkontrolle.
Hara lässt sich abschließend am besten als Zustand energievoller und zentrierter Flexibilität beschreiben, der die psychischen und physischen Kräfte in der Leibesmitte konzentriert, um so den Anforderungen des Lebens (auch des Kämpfens) optimal zu begegnen.